Shi-Dichtung

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Shi-Dichtung (诗) bezeichnet die älteste und grundlegendste Form der klassischen chinesischen Lyrik. Sie ist nicht an konkrete Melodien gebunden, sondern basiert auf regelmäßigen Versmaßen, festen Silbenzahlen und – in ihrer klassischen Ausprägung – auf streng geregelten Tonmustern.

Bereits das Buch der Lieder (Shijing, 诗经) begründet die Tradition der Shi-Dichtung. Ihre kanonische Form erhielt sie in der Tang-Dynastie, insbesondere im regulierten Vers (律诗, lüshi) und im Vierzeiler (绝句, jueju). Typisch sind Zeilen mit fünf oder sieben Schriftzeichen, parallele Satzstrukturen und eine präzise Balance von Eben- und Steigtönen.

Inhaltlich umfasst Shi-Dichtung ein breites Spektrum: Natur- und Landschaftsbilder, Freundschaft, Abschied, politische Reflexion, moralische Haltung und existenzielle Erfahrung. Trotz der formalen Strenge erlaubt Shi eine hohe Dichte an Bildlichkeit und Bedeutung, wobei Andeutung, Auslassung und intertextuelle Anspielung zentrale Stilmittel sind.

Im Unterschied zur Ci-Dichtung ist Shi stärker schriftlich und literarisch normiert und weniger von musikalischer Herkunft geprägt. Sie gilt als die klassische Hochform chinesischer Versdichtung und bildet über Jahrhunderte hinweg den Maßstab poetischer Bildung, insbesondere im Kontext der Beamtenkultur und der kaiserlichen Prüfungen.

In der Literaturgeschichte fungiert Shi-Dichtung als formales und ästhetisches Rückgrat der chinesischen Lyrik, an dem sich spätere Gattungen – einschließlich der Ci- und Qu-Dichtung – bewusst orientieren oder von dem sie sich programmatisch absetzen.