Lyrik (Goethes Wortschatz)

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Lyrik, Wortgebrauch bei Goethe

Aus: Goethewörterbuch


Lyrik

einmal -ic; 10 Belege —

Goethe verwendete das Wort ‘Lyrik’ , obwohl es sich als Gattungsbegriff seit MMendelsohns Aufsatz ‘Von der lyrischen Poesie’ (1778) durchzusetzen begann, noch überwiegend für eine spezifische Darstellungs- u Behandlungsweise poetischer Gegenstände, die sich ebenso in Gedichten wie in erzählenden Texten od Dramen als angemessen erweisen kann [1]


sa Verwendung des Adj ‘lyrisch’ unter Pkt 3. 


1 in poetologischer Aussage:

stark subjektiv gefärbte, emotional intensivierende od assoziativ reflektierende dichterische Behandlungsweise poetischer Gegenstände; auch attribuiert ‘theatralische, poetische L.’  

  • Es gibt nur drei echte Naturformen der Poesie: die klar erzählende, die enthusiastisch aufgeregte und die persönlich handelnde: Epos, L. und Drama. Diese drei Dichtweisen können zusammen oder abgesondert wirken 7,118,4 DivNot Naturformen dDichtg  
  • Der lyrische Dichter .. soll irgend einen Gegenstand .. Zustand oder .. Hergang .. dergestalt vortragen, daß der Hörer vollkommen Antheil daran nehme .. Und in diesem Sinne dürfen wir wohl die L. die höchste Rhetorik nennen, die aber wegen der in Einem Dichter kaum sich zusammenfindenden Eigenschaften höchst selten in dem Gebiete der Ästhetik hervortritt 421,175,19 Teiln Manzoni  
  • Scherz List und Rache .. da sich solches .. der Aufmerksamkeit mancher Freunde theatralischer L. zu erfreuen gehabt 32,404,4 ItR Var 40,120,22 SchillersIfflandsAndenk 7,118,14 DivNot Naturformen dDichtg uö  

2 metonym

für die Gesamtheit der sprachlich (durch Reim, Rhythmus, Metrik, Vers, Strophe uä) gebundenen u inhaltlich (überwiegend) lyrisch geprägten Dichtungen, für die Gedichte (einer historischen Epoche)  

  • Die modernere L. neigt sich immer zum Elegischen hin 421,173,25 TeilnManzoni AADiv3,96,2 Plp

 Syn lyrisch(-e)


1) zur Entwicklung des Lyrikbegriffs vgl ua CTräger, Wb der Literaturwissenschaft, 1986,325—327; Ästhet Grundbegriffe 3 (2001),709—723 sowie RDL 2,240—252

Juliane Brandsch



Lyriker

  • 1 Verfasser lyrischer Texte, Poet Gespr(Gr4,152) Gerning 18. 6. 1795  
  • 2 zur (gesanglichen) Darbietung lyrischer Texte u Textpassagen befähigter Interpret, Schauspieler  [betr schauspielerischen Ausdruck WEhlers’]

der darin besteht, daß der Sänger .. die verschiedenste Bedeutung der einzelnen Strophen hervorzuheben und so die Pflicht des L-s und Epikers zugleich zu erfüllen weiß 35,90,22 TuJ 1801

Juliane Brandsch



lyrisch  auch subst;

etwa 130 Belege 

1 ‘das L-e’

als Urform u Ausgangspunkt der (europäischen) dramatischen Dichtung; im Hinblick auf die rituellen, durch Tanz u Musik begleiteten Gesänge der altgriechischen Dionysien  Wie sich nun die griechische Tragödie aus dem l-en loswand B16,266,22 Zelter 4.8.03  


2 als eine spezifische, sich auf verschiedene poetische Gegenstände beziehende Darstellungs- u Ausdrucksweise;

neben ‘episch’ u ‘dramatisch’  

  • a in (poetologischer) Beschreibung des kreativen Prozesses: iSv den Mitteln, Regeln u Möglichkeiten einer (inhaltlich u formal-technisch) subjektiv-emotionalen Dichtart entsprechend, sich ihrer bedienend; oft mBez auf Gedichte, seltener auf Dramen u Versepen; einmal in bildh Zshg  Der Sänger [der Ballade] .. hat seinen prägnanten Gegenstand .. Er bedient sich .. aller drei Grundarten der Poesie .. er kann l., episch, dramatisch beginnen und, nach Belieben die Formen wechselnd, fortfahren 411,223,16 Üb Ballade [mBez auf das Gedicht ‘Unter dem Felsen am Wege .. ’] Die zwei ersten Strophen geben die klare Exposition, in der dritten und vierten spricht der Todte .. Die fünfte und sechste schließt sich dem Sinne nach an die ersten, sie stehen l. versetzt 7,17,1 DivNot Araber  Anton Müller zeigt eine schöne Gabe, solche [böhmischen] Stoffe l. zu bearbeiten 421,51,4 Üb:Monatschr Böhmen [Varnhagen/G]  [betr Nees’ Bemühen um die Leopoldina] wie wollen Sie die Knoten auflösen .. : Priorität, Anticipation, Präoccupation .. In Gefolg dessen, obgleich gewissermaßen l. die Zwischenglieder überspringend, widerrathe den Vorschlag: die übrigen deutschen wissenschaftlichen Vereine sich zu affiliiren B31,78,19 Nees [vor 17.2.]19 412,191,3 Anz:Oeuvres dramat de G B13,222,20 Schiller 21.7.98 251,7,9 Wj II 8 411,345,3 Carmagnola uö  


  • b in inhaltlicher u zugleich formaler Charakterisierung poetischer Texte (aller Gattungen): iSv durch eine emotionale wie reflektierende, eine expressive od zarte, melodisch gebundene Sprache geprägt  


    • α in allgemeiner (poetologischer) Aussage; einmal als Element des Modernen in einer idealtypischen Vorstellung von ihrer Verschmelzung mit dem Antiken im Kunstwerk1)  Alles L-e muß im Ganzen sehr vernünftig, im Einzelnen ein bißchen unvernünftig sein 422,122,4 MuR(130)  Wo das Subjektive für sich allein schon viel bedeutet, muß der Dilettant sich dem Künstler nähern, z._B. Tanz, Musik, schöne Sprache, l-e Poesie 47,318,12 ÜbDilettantism Entw [G/Schiller/Meyer]  [Goethe über neugriechische Dichtungen des späten 18.Jhs] dramatische Romanzen. Alle Elemente, l-e, dramatisch-epische in einer Form. Der Geist derselben der nordische, schottische, mit dem südlichen und altmythologischen verbunden Gespr(He2,1095) Boisserée 21.9.15 Abends bey Schiller .. Über epische, dramatische und l-e Dichtkunst T2,209,10 v 26.5.98 20,251,22 Wv II 5 47,300,5 ÜbDilettantism Schema 1799 [G/Schiller] 422,441,15 Zu:Kleist,Amphitryon Schema uö(selten)  


    • β mBez auf konkrete Texte; häufig auch hinsichtlich bestimmter Passagen in Dramen, Balladen u Erzählungen in bes Akzentuierung der Melodik, Liedhaftigkeit, Singbarkeit bzw der (weichen) Rhythmik eines Textes  alles L-e was ich seit dreißig Jahren gedichtet .. [ist] ihm [Zelter] zu eigentlicher musikalischer Belebung gesendet worden 4,82,25 AufklBem habe ich gedacht, ob man nicht .. die Zwischenakte [von Voltaires ‘Tancred’] mit Chören ausfüllen sollte? .. Das Stück ist nicht lang und wenn sich der Komponist zusammenhält, so sollte ich denken, diese l-en Zwischenakte würden .. dem Ganzen das rechte Maß geben B15,164,18 Iffland 25.12.00  Nach dieser Abkürzung [im ‘Prolog zu Eröffnung des Berliner Theaters 1821’] würde nicht zur Musik rathen, weil keine l-e Anforderung in dem Vortrage liegt B34,234,15 Gf Brühl 13.5.21  Erwin und Elmire so wie Claudine von Villa bella .. Gar manches L-e, das sie enthalten, war mir lieb und werth; es zeugte von vielen .. glücklich verlebten Stunden, wie von Schmerz und Kummer, welchen die Jugend in ihrer unberathenen Lebhaftigkeit ausgesetzt bleibt 32,143,1 ItR  wegen des dritten Acts [von VAlfieris ‘Saul’ in Knebels Übersetzung] ist mit dem Capellmeister Abrede genommen. Er wird die l-en Stellen, indem sie Wolff recitirt, hinter der Coulisse mit dem Pianoforte begleiten B22,40,6 Knebel 27.2.11 Gespr(FfA II 12,209,17) Eckerm 18.1.27 36,180,4 TuJ 1820 35,91,2 TuJ 1801 B31,65,20 Zelter 18.1.19 422,456,4 Zum Briefw Schiller/G uö  mehrfach ‘l-e Gedichte’, auch ‘L-es’, ‘l-er Beitrag’, ‘l-e Dichtkunst’, ‘l-e Sammlung’ uä zur Spezifizierung des Sujets gegenüber anderen Formen der Lyrik; wiederholt im bildhaften Zshg  ich .. fasse eine Sammlung kleiner, besonders l-er Gedichte für die Deutschen ins Auge 422,414,16 LyrVolksb  [betr Festgedicht zum Thaer-Jubiläum] Sollten Sie nicht .. geneigt seyn einen l-en Beytrag zu genanntem Feste zu geben? B38,72,2 Eckermann 8.3.24  Graf St. Leu .. send ich einige seiner Gedichte .. Um mehrere hab ich ihn noch ersucht, damit sich ein gewisser l-er Kreis bilde, der sich in sich selbst abschließt und so manifestire B37,164,14 Ottilie 14.8.23 27,89,19 DuW 7 B17,175,7 WHumboldt [30.7.04] K B16,76,17 Schiller 4.5.02 uö  ‘l-er Roman’ für AManzonis romantische Tragödie ‘Il Conte di Carmagnola’ T7,174,12 v 16.5.20  auch ‘l-e(s) Theater, Bühne’; ‘l-e(s) Drama, Schauspiel, Tragödie’ iSv Singspiel od Oper bzw deren auf eine Vertonung hin gearbeitete Textvorlage  Meine arme angefangne Operette [‘Die ungleichen Hausgenossen’] dauert mich .. Hätte ich nur vor zwanzig Jahren gewusst was ich weis. Ich hätte mir wenigstens das Italiänische so zugeeignet, daß ich fürs L-e Theater hätte arbeiten können B7,171,14 ChStein 26.1.86  [mBez auf ‘Scherz, List u Rache’] Seyn Sie nun auch so bald als möglich mir mit Ihren Anmerckungen zur Hand das L-e Drama selbst betreffend. Denn .. ie eher Sie mir Ihre Ideen mittheilen desto eher kann ich sie nutzen B7,147,2 Kayser 23.12.85 B15,159,24 Schiller 16.12.00 411,114,11 DtSprache uö  
  • c in Bezeichnung der metrischen Form eines Textes: iSv durch strenge, besonders melodische bzw singbare Rhythmen, Reime, Vers- u Strophenformen usw charakterisiert; nur im Hinblick auf Passagen in szenisch-dramatischen Arbeiten  Da er [Sohn KThKörner] .. die l-en Sylbenmaaße in seiner Gewalt hat, so bringe er sie .. ins rhythmische Drama: er mache sich jene Sylbenmaaße zu eigen, die in Schlegels Calderon und in Werners Stücken vorkommen, und bediene sich deren nach seinem Gefühl, so wird er sie gewiß an die rechte Stelle setzen B22,347,24 CGKörner 23.4.12  [betr ‘Prolog zu Eröffnung des Berliner Theaters’] sollte die Stelle: Tausend, aber tausend Stimmen und die folgenden fünf Zeilen, durch einen Chor hinter dem Theater gesungen, nicht bedeutenden Effect thun? Eben das Chor könnte auch die nachfolgenden, von der Schauspielerin vorzutragenden, l-en Strophen hie und da begleiten B34,221,20 Gf Brühl 9.5.21 B15,338,27 Zelter [Jul/Aug 00] K  
  • d in Kennzeichnung der mündlichen, durch Gestik u Stimmführung bestimmten Reproduktion eines poetischen Textes: iSv (ruhig-)emotional, expressiv-stimmungsvoll, auch melodiebetont  [Druckanweisung für die ersten Szenen zu ‘Faust II’] ist .. alles, was als Lied erscheint oder l. vorgetragen wird .. einzurücken B43,260,21 Reichel 22.1.28  Sie [PhLade (1797—1879)] habe den Wassertaucher vordeklamirt, aber mit zu viel Malerei und Gestikulation; darauf habe er sie gebeten, es noch einmal zu tun, aber hinter einem Stuhle stehend und dessen Lehne mit beiden Händen festhaltend .. Verwechsle man doch nicht epische Darstellung mit l-er oder dramatischer Gespr(He2,1008) Kanzl Müller 12.5.15 132,203,30 ProlBln 1821 Bem  

3 als Eigenschaft des Dichters

  • a auf eine momentane (innere) Befindlichkeit des Dichters bezogen: iSv den Lyriker in seiner Tätigkeit inspirierend, beflügelnd; selten mBez auf eine Muse od eine stimulierende Jahreszeit  Wir wollen hoffen daß eine freundschaftliche Geselligkeit des Winters uns wieder manchmal in einen l-en Zustand versetzen wird B16,117,19 Zelter 31.8.02  [mBez auf Schiller u seinen ‘Don Carlos’] Dieser große Dichter idealisirt mehr als ein anderer seinen Gegenstand. Ganz reflectirendes Genie, l-em Träumen hingegeben, erfaßt er irgend eine Idee liebevoll 412,342,10 Anz:Soumet,Elisabeth  Zu einem Taschenbuche .. soll es .. noch Rath werden, ob mich gleich die l-e Muse [wohl Euterpe od Erato], nicht .. begünstigt hat B16,209,1 Cotta 28.3.03  habe ich gleich den Faust vorgenommen und finde Ihre Bemerkung richtig: daß die Stimmung des Frühlings l. ist, welches mir bey dem rhapsodischen Drama sehr zu Gute kommt B13,113,9 Schiller 11.4.98 B14,166,18 Zelter 26.8.99 B16,160,4 Cotta 24.12.02  
  • b generell: iSv zum (inhaltlich u formal) poetisch wirksamen Ausdruck starker Empfindungen, subjektiver Betrachtungen u Wertungen befähigt, auch iSv dem Lyriker eigen  Der l-e Dichter .. soll irgend einen Gegenstand, einen Zustand oder auch einen Hergang .. dergestalt vortragen, daß der Hörer vollkommen Antheil daran nehme und, verstrickt durch einen solchen Vortrag, sich wie in einem Netze gefangen unmittelbar theilnehmend fühle 421,175,13 TeilnManzoni  [Neffe:] Die Leidenschaften müssen stark sein. Die Zärtlichkeit des l-en Poeten und des Musikus muß extrem sein 45,123,23 RamNeffe  Herr Manzoni hat sich als l-en Dichter in seinen heiligen Hymnen zu unserer Freude früher bewiesen 411,348,10 Carmagnola Gespr(FfA II 12,125,32) Eckerm 24.11.24 7,64,20 DivNot Hafis [Hammer] 492,297 Mantegna,Triumphzug Var 251,7,27 Wj II 8 uö(selten)  


4 als Potential eines poetischen Gegenstandes:

iSv zu einer subjektiv-emotionalen Darstellungsweise geeignet, reizend  Der Gegenstand [zur ‘Ballade’] war mir sehr lieb geworden .. daß ich ihn auch zur Oper ausarbeitete, welche .. liegen blieb. Vielleicht ergreift ein Jüngerer diesen Gegenstand, hebt die l-en und dramatischen Puncte hervor und drängt die epischen in den Hintergrund 411,227,8 ÜbBallade  

5 als Eindruck des Rezipienten:

iSv subjektiv-emotionale, begeisterte, hinreißende, seelische Teilnahme evozierend  denen .. die durch wahrhaft l-en Genuß und echte Theilnahme einer sich ausdehnenden Brust viel .. von diesen Gedichten [‘Des Knaben Wunderhorn’ (1806—1808)] fassen werden 40,355,20 Üb:Wunderhorn  sein [Manzonis] überzeugendes Rednertalent, seine Gabe elegisch zu rühren und l. aufzuregen 411,349,9 Carmagnola 411,347,18 ebd uö(selten)

Juliane Brandsch



lyrisch-episch

  zu lyrisch 2bβ: iSv subjektiv-expressive u erzählende Elemente poetischer Dichtung vereinend  Sie haben dem lyrisch-epischen Charakter der Ballade einen glücklich-bildlichen Ausdruck zu finden gewußt B44,319,8 Neureuther 23.9.28

Juliane Brandsch



lyrisch-episch-dramatisch 

zu lyrisch 2bβ: iSv alle literarischen Ausdrucksweisen repräsentierend  Abendlied .. von der recht guten lyrisch-episch-dramatischen Art 40,352,4 Üb:Wunderhorn B26,24,15 August [5.7.15]

→ didaktisch-l. dramatisch-l. gemütlich-didaktisch-l. subjektiv-l. un-  Syn zu 2bβ und c empfindsam melodisch singbar zu 2d gefühlvoll seelenvoll 1) s KMommsen, Kleists Kampf mit Goethe, 1974,30—34

Juliane Brandsch


Anmerkung

  • [1] zur Entwicklung des Lyrikbegriffs vgl ua CTräger, Wb der Literaturwissenschaft, 1986,325—327; Ästhet Grundbegriffe 3 (2001),709—723 sowie RDL 2,240—252

Bibliographische Angabe:

  • Goethe-Wörterbuch. Hg. v. der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften [bis Bd. 1, 6. Lfg.: Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin; bis Bd. 3, 4. Lfg.: Akademie der Wissenschaften der DDR], der Akademie der Wissenschaften in Göttingen und der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Stuttgart 1978-.


Siglen- und Abkürzungsverzeichnis