Dziuk, Jürgen
Jürgen Dziuk (* 26. September 1960 in Nürnberg; † 26. September 2004 in Kuala Lumpur) war ein deutscher Lyriker. Sein schmales, heute kaum bekanntes Werk entstand überwiegend zwischen Mitte der 1980er und Anfang der 1990er Jahre und ist durch sprachliche Leichtigkeit, formale Offenheit und eine ausgeprägte Sensibilität für Übergänge, Fremdheit und Vergänglichkeit gekennzeichnet.
Leben
Jürgen Dziuk wurde 1960 in Nürnberg geboren. Nach dem Abschluss der Realschule absolvierte er zunächst eine Gärtnerlehre, erlangte anschließend auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur und zog 1986 nach München. Dort studierte er an der Ludwig-Maximilians-Universität Amerikanische Kulturgeschichte, Sinologie und Ethnologie. Während des Studiums schloss er sich der Initiative Junger Autoren an, die sich regelmäßig zu Werkstattgesprächen traf, und begann, Gedichte in Zeitschriften und Anthologien zu veröffentlichen
Parallel dazu unternahm Dziuk mehrere Reisen nach Ost- und Südostasien, u. a. nach Taiwan, Nepal und Singapur. Nach dem Magisterabschluss 1991 mit einer Arbeit über Native Americans nahm er eine Tätigkeit im Exportgeschäft mit Fernostbezug auf. Im August 1993 übersiedelte er nach Malaysia, wo er für einen großen deutschen Konzern arbeitete. Mit der räumlichen Distanz ging ein nahezu vollständiger Rückzug aus dem Literaturbetrieb einher; aus den folgenden zehn Jahren sind lediglich vier Gedichte überliefert
Jürgen Dziuk starb an seinem 44. Geburtstag in Kuala Lumpur an den Folgen einer organischen Insuffizienz, an der er seit der Kindheit gelitten hatte.
Werk
Das lyrische Werk Jürgen Dziuks umfasst insgesamt etwa 180 Gedichte, die überwiegend zwischen 1985 und 1993 entstanden sind. Nur etwa 20 wurden zu Lebzeiten in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht. Seine Texte entziehen sich einer eindeutigen stilistischen Zuordnung; sie reichen von leichten, fast gewichtslosen Gedichten bis zu experimentellen, dadaistisch verfremdeten und humoristischen Formen.
Der Lyriker und Übersetzer Richard Dove, ein enger Wegbegleiter, hebt insbesondere die „Leichtigkeit“ von Dziuks Sprache hervor und betont deren Eigenständigkeit:
„Dabei ist es die Leichtigkeit seiner eigenen Lyrik, die besonders ins Auge und nicht zuletzt auch ins Ohr sticht – manchmal ertappt man sich sogar beim Gedanken: Falls es das Fernöstliche nicht schon gäbe, hätte Jürgen es wohl erfinden müssen.“
Zentral ist für Dziuk eine Poetik der Offenheit und des Kippmoments. In einem Brief aus dem Jahr 1989 beschreibt er sein eigenes Schreiben so:
„Dieses Poem ist seltsam, zieht mich magisch in seinen Bann. So ringen wir beide, einmal schreibt mich das Gedicht, dann ich es. Und dann wieder wird es ein bedeutungsloses Stück Papier. Kurz: Es kippt mir ständig hinweg.“
Themen und Motive
Wiederkehrende Motive in Dziuks Gedichten sind Übergangszustände, Abschied, Bewegung, Licht und Stille. Häufig verbinden sich alltägliche Beobachtungen mit existenziellen Fragen, ohne pathetische Zuspitzung. Dinge, Orte und scheinbar nebensächliche Details fungieren als Speicher von Erinnerung und Bedeutung.
In einem Brief kurz vor seiner Übersiedlung nach Malaysia reflektiert Dziuk über das Loslassen von Besitz und Heimat:
„Jedes Ding hat seine eigene Geschichte, hat seine Vergangenheit, aber indem ich es wegwerfe, vernichte ich auch etwas von unserer gemeinsamen Zeit.“
Rezeption
Jürgen Dziuks Werk blieb zu Lebzeiten einem kleinen literarischen Kreis vorbehalten. Nach seinem frühen Tod wurde es nur vereinzelt rezipiert. 2007 erschien eine Ausgabe seiner Gedichte, herausgegeben von Richard Dove und Àxel Sanjosé.
Zitate
„Jürgen Dziuk hatte einen Blick auf die Welt, der fast irr poetisch war (ich meine das bewundernd).“ (Reiner Kunze)
In einigen Texten gelingt ihm etwas ganz Erstaunliches. Gedanken und Eindrücke tauchen auf, werden verworfen, verändert oder weiterentwickelt, und bleiben dennoch Bestandteil des Gedichts, so dass dieses sich selbst in seinem Fluss korrigiert, nicht ausschließlich gerade Wege nimmt: kein Blatt fällt / und es ist doch Herbst / waren dort nicht eben / noch – nein, / die Weite ist leergefegt / schon seit Stunden / und der Abend wird diesmal / nicht ankommen (aus: Entdeckung IV). (Myriam Keil) https://www.poetenladen.de/myriam-keil-juergen-dziuk.htm
Quellen
Biografische Angaben, Werk- und Rezeptionszitate nach: Jürgen Dziuk: was bleibt ist Ferne. Gedichte. Herausgegeben von Àxel Sanjosé und Richard Dove. Weilerswist: Ralf Liebe, 2007