Ruge, Arnold

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Ruge

[239] Ruge, 1) Arnold, Schriftsteller, geb. 13. Sept. 1802 in Bergen auf der Insel Rügen, gest. 31. Dez. 1880 in Brighton (England), studierte in Jena und Halle 1821–24 hauptsächlich Philosophie und nahm auf beiden Universitäten lebhaften Anteil an der Burschenschaft, wofür er einjährige Hast in Köpenick und fünfjährige auf der Festung Kolberg zu bestehen hatte. Nach seiner Freilassung 1830 erhielt er eine Lehrerstelle am Pädagogium in Halle, 1832 habilitierte er sich mit der Schrift »Die Platonische Ästhetik« (Halle 1832) als Privatdozent an der dortigen Universität. 1837 begründete er mit Echtermeyer die »Halleschen Jahrbücher für Kunst und Wissenschaft«, die bald das damals bedeutendste kritische Organ wurden. Als sie wegen ihrer radikalen Richtung unter preußische Zensur gestellt werden sollten, verließ R. Halle und siedelte 1841 mit seiner Zeitschrift, die er nun »Deutsche Jahrbücher« nannte, nach Dresden über. Das Ministerium Falkenstein entzog jedoch der Zeitschrift alsbald die Konzession, und R. lebte hierauf mehrere Jahre in Paris und in der Schweiz und grünbete sodann in Leipzig unter der Firma »Verlagsbureau« ein buchhändlerisches Geschäft, aus dem unter seiner Redaktion unter anderm »Politische Bilder aus der Zeit« (1848, 2 Tle.), »Poetische Bilder aus der Zeit« (1848, 2 Bde.) und »Die Akademie, ein philosophisches Taschenbuch« (1847–48), mit Beiträgen von Seeger, Gerstäcker, Freytag, Hebbel, Fröbel, Hartmann u.a. hervorgingen. Nach Ausbruch der Bewegung von 1848 gab R. zuerst in Leipzig, dann in Berlin eine demokratische Zeitung: »Die Reform«, heraus und wurde von Breslau in das Frankfurter Parlament gewählt, wo er seinen Platz auf der äußersten Linken nahm, sich aber bald als unpraktischen Doktrinär bekundete. Verstimmt begab er sich auf Reisen und ward infolgedessen von der Nationalversammlung als ausgeschieden erklärt. Um dieselbe Zeit (Oktober 1848) wohnte er dem Demokratenkongreß in Berlin bei, um seine »Reform« zum Organ der Demokratie erheben zu lassen. Der eintretende Belagerungszustand hatte aber das Verbot dieser Zeitung zur unmittelbaren Folge, und R. mußte 21. Jan 1849 die Stadt verlassen. Er kehrte nach Leipzig zurück, beteiligte sich dann an den Maiereignissen und mußte 1850 nach England flüchten, wo er mit Mazzini, Ledru-Rollin u.a. zu einem europäisch-propagandistischen Komitee zusammentrat. Später nahm er seinen Wohnsitz in Brighton, von wo aus er sich 1866 schon vor dem Krieg in Briefen an deutsche Zeitungen für die auswärtige Politik Bismarcks erklärte. 1877 wurde ihm in Anerkennung seines literarischen Wirkens für die deutsche Einheit ein »Ehrensold« von 1000 Mk. jährlich aus Reichsmitteln bewilligt, seine Anhänger hatten 20,000 Mk. für ihn gesammelt. Von Ruges Schriften erwähnen wir: »Schill und die Seinen«, Trauerspiel (Strals. 1830); »Neue Vorschule der Ästhetik« (Halle 1836); »Der Novellist« (Strals. 1839); »Zwei Jahre in Paris« (Leipz. 1846, 2 Bde.); »Novellen aus Frankreich und der Schweiz« (das. 1848); »Unser System« (das. 1850; neue Ausg. von Clair J. Grece, mit Vorwort von Nerrlich, Frankf. a. M. 1903); »Revolutionsnovellen« (Leipz. 1850); »Die Loge des Humanismus« (das. 1851); »Die neue Welt«, Trauerspiel (das. 1856); »Aus früherer Zeit« (Berl. 1863–67, 4 Bde.), eine Autobiographie mit zum Teil vortrefflichen Episoden; »Zwei Doppelromane in dramatischer Form« (das. 1865); das Manifest »An die deutsche Nation« (2. Aufl., Hamb. 1866); »Ausruf zur Einheit« (Berl. 1866); »Der Krieg und die Entwaffnung« (das. 1867); »Bianca della Rocca«, Erzählung (unter dem Namen R. Durangelo, das. 1869); »Acht Reden über Religion« (das. 1869, neue Ausg. 1875) und »Geschichte unsrer Zeit von den Freiheitskriegen etc.« (Leipz. 1881). Auch hat sich R. durch Übersetzung der »Juniusbriefe« (3. Aufl., Leipz. 1867), von Garridos »Das heutige Spanien« (neue Ausg., das. 1867), Buckles »Geschichte der Zivilisation« (5. Ausg., das. 1874), H. Bulwers »Lord Palmerston« (Berl. 1871) u.a. verdient gemacht. Seinen »Briefwechsel und Tagebuchblätter aus den Jahren 1825–1880« gab Nerrlich heraus (Berl. 1885–87, 2 Bde.).

2) Sophus, Geograph, geb. 26. März 1831 in Dorum (Hannover), gest. 23. Dez. 1903 in Klotzsche bei Dresden, studierte in Göttingen und Halle, wurde 1859 Lehrer an der öffentlichen Handelsschule, 1870 an der Annenschule in Dresden, habilitierte sich 1872 als Dozent und wurde 1874 Professor der Geographie und Ethnographie an der Technischen Hochschule daselbst. Mit Karl Andree u.a. begründete R. 1863 den Verein für Erdkunde in Dresden, dessen Vorsitz er 30 Jahre lang (1874–1903) führte. Auf dem Gebiete der Geschichte der Geographie war R. Autorität Er bearbeitete die zweite Auflage von Peschels »Geschichte der Erdkunde« (Münch. 1878) und schrieb: »Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen« (Berl. 1881); »Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte der Erdkunde« (Dresd. 1888); »Christoph Columbus« (das. 1892; 2. Aufl., Berl. 1902, in der Sammlung »Geisteshelden«); »Die Entdeckungsgeschichte der Neuen Welt« (Hamb. 1892); »Die Entwickelung der Kartographie von Amerika bis 1570« (Gotha 1893). Außerdem sind zu erwähnen: »Geographie für Handels- und Realschulen« (14. Aufl., Leipz. 1904) und die »Kleine Geographie für die untern Lehrstufen« (6. Aufl., Dresd. 1900); »Dresden und die [239] Sächsische Schweiz« (Bielef. 1903); »Das sächsische Land« (in Wuttkes »Sächsische Volkskunde«, 2. Aufl., Dresd. 1901); »Geschichte der sächsischen Kartographie im 16 Jahrhundert« (»Zeitschrift für wissenschaftliche Geographie«, 1881) und die Lichtdruckreproduktion der ersten Landesvermessung Kursachsens durch Matthias Oeder (Dresd. 1889). Über die Literatur zur Geschichte der Erdkunde berichtete R. lange Zeit in »Petermanns Mitteilungen« und im »Geographischen Jahrbuch«. Vgl. Hantzsch in der »Geographischen Zeitschrift«, 1904; Gravelius in den »Mitteilungen des Vereins für Erdkunde zu Leipzig«, 1904.


Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 17. Leipzig 1909, S. 239-240. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20007373554