Poetik (Novalis)

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Die Poetik ließe sich freilich als eine Kombination untergeordneter Künste betrachten, z. B. der Metrik, der Sprachkenntnis, der Kunst, uneigentlich zu reden, witzig und scharfsinnig zu sein; werden diese Künste gut verbunden und mit Geschmack angewandt, so wird man das Produkt Gedicht nennen müssen.

Wir sind freilich gewöhnt, nur dem Ausdruck des Höchsten, der eigentlichen eigentümlichen Erfindung unter vorgedachten Bedingungen den Namen eines Gedichts zu geben. Freilich wird auf jeder höhern Stufe der Bildung die Poetik ein bedeutenderes Werkzeug und Gedicht ein höheres Produkt.

Manches wird erst dem dichterisch Gestimmten - Gedicht, was es sonst oder dem Verfasser nicht ist. Echte, poetische Charaktere sind schwierig genug zu erfinden und auszuführen. Es sind gleichsam verschiedne Stimmen und Instrumente. Sie müssen allgemein, und doch eigentümlich, bestimmt und doch frei, klar und doch geheimnisvoll sein. In der wirklichen Welt gibt es äußerst selten Charaktere. Sie sind so selten wie gute Schauspieler. Die meisten Menschen sind noch nicht einmal Charaktere. Viele haben gar nicht die Anlage dazu. Man muß wohl die Gewohnheitsmenschen, die Alltäglichen, von den Charakteren unterscheiden. Der Charakter ist durchaus selbsttätig. [1457]



Quelle

Novalis: NEUE FRAGMENTE. Die Enzyklopädie. VI. Abteilung. DIE PHILOLOGISCHEN WISSENSCHAFTEN. 2. Poetik


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