Plastische Poesie

Aus Lyrikwiki
Wechseln zu:Navigation, Suche


Kitasono, der schon früh die Grenze konkreter Poesie bemerkt hatte, veröffentlichte 1966 einen Artikel "Notiz über plastische Poesie" in der Zeitschrift "VOU", H. 105, worin er seinen Grundgedanken aussprach. Er lautet:


Die Geschichte der Poesie, die mit einer Gänsefeder anfing, soll mit einem Kugelschreiber aufhören. Ob Poesie zugrunde geht oder Gelegenheit zur neuen Entwicklung hat, das hängt davon ab, was für ein Ausdrucksmittel der gegenwärtige Dichter nach dem Kugelschreiber wählt.

Gerade in dieser Zeit gibt es so ein Werkzeug, das er wählen darf, eine Kamera. Die Kamera vermag auch aus einer Randvoll verschriebener Papierabfälle eines Gedichtes einen schönen Text herauszunehmen.


Sprache ist das ungenaueste Übermittlungszeichen, das die Menschheit je schuf. Zen-Buddhismus, Philosophie, Literatur etc. machen Sprache völlig zur Klamotte, womit man immer weniger etwas anfangen kann. Die Vorstellung, daß ein vom Dichter geschaffenes Gedicht für einen so antiquarischen Geist wie Zen-Buddhismus, Philosophie usw. existiert, ist unsinnig.


Plastische Poesie ist eine Gestalt, die weder Zeilen noch Strophen braucht und nichts als ein Gedicht ist. Sie ist eine Apparatur für ein Gedicht, die weder Rhythmus noch Bedeutung braucht.


Der Fluß der experimentellen Dichtung, der aus Quellen des Futurismus, Dadaismus, Kubismus floß, machte hie und da kleine Pfützen der konkreten Poesie, die mich aber nur an einen flüchtigen Blitz erinnern.


Dichter, bis wann willst du Beifall des Publikums für dich, einen realen Künstler der Sprache, erwarten? So ein Beifall ist niemals zu erwarten.


Ich stelle eine Poesie dar, im Sucher meiner Kamera und durch eine Handvoll Papierabfälle, Pappe , Glasscherben.


Das ist die Geburt einer plastischen Poesie.


Sowohl Niikunis Thesen als auch die allgemeingültige Voraussetzung, daß Poesie primär aus Sprache besteht, wurden von Kitasono einfach geleugnet. Besser: Sprache war für ihn und für seine plastische Poesie nur ein Medium neben den anderen Medien. Er wollte dadurch eine völlig neue Kunstgattung schaffen. Das wäre ein entscheidender Grund dafür, warum er sein Werk nicht als konkrete oder visuelle Poesie, sondern als plastische Poesie bezeichnete.


Aus: Hiroo Kamimura: Japanische konkrete und visuelle Poesie im internationalen Kontext hier

[Nachwort zu: Aktuelle konkrete und visuelle Poesie aus Japan. Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Hiroo Kamimura. Experimentelle Texte, Nr. 6. Siegen 1986. Das Nachwort wurde berücksichtigt für die Essayfolge "Stuttgart - Japan und zurück oder Ein japanisch-deutscher Literatur- und Schriftwechsel " (1995) von Reinhard Döhl und Hiroo Kamimura]