Germanische Völker

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Pierer 1859

[242] Germanische Völker. Mit diesem in Deutschland längst üblichen, von Schmeller empfohlenen u. auch von der neuern norwegischen historischen Schule (Keyser, Munch, Unger) angenommenen Namen, wird eine der sechs (od. acht) Hauptgruppen des großen Indogermanischen Völker- u. Sprachenstammes zusammengefaßt, welchem außer mehreren untergegangenen Völkern die gegenwärtigen Deutschen, Niederländer, Skandinavier u. Engländer zugehören, u. der bisweilen auch mit dem Gesammtnamen Deutsch (von J. Grimm vorgeschlagen, jedoch von den Skandinaviern verworfen), Gothisch (nach Rask u. einigen anderen dänischen u. schwedischen Gelehrten), Gothisch-germanisch, od. wie namentlich bei den Engländern u. Franzosen, Teutonisch bezeichnet wird. Vgl. Schmeller, Über die Nothwendigkeit eines ethnographischen Gesammtnamens für die Deutschen u. ihre nordischen Stammverwandten (München 1835). Die G-n V. hatten mit den übrigen Zweigen des Indogermanischen Stammes ihre Urheimath im westlichen Hochasien im Gebiet des obern Oxus u. Jaxartes, wo sie sich nach Vorgang der Celten von dem Hauptstamme ablösten, zunächst mit den Litu-slawischen Völkern einen gemeinschaftlichen Ast bildend, westlich über das Kaspische Becken u. den kaukasischen Isthmus nach Osteuropa vordrangen u. sich hier allmählig von den Litu-Slawen abspaltend, die Finnen nach Norden, die Celten nach Westen zurück drängend, sich über das mittlere u. nördliche Europa in zwei Hauptströmen ergossen. Während der eine nördlichere der letztern über die Ostsee nach Skandinavien gelangte, breitete sich der andere südlichere über das Weichsel-, u. vielleicht auch Donauland nach dem eigentlichen Deutschland aus, wo sie bereits zu jener Zeit, als sie zum erstenmale in der Geschichte auftreten, längst angesessen u. selbst die Kunde von ihrer Einwanderung verschollen war. Zwar kamen durch die Eroberungszüge der Cimbern u. Teutonen, die in den letzten Jahren des 2. Jahrh. Rom an den Rand des Verderbens brachten, Germanische Völker zuerst in unmittelbare Berührung mit den Römern, doch wurde Letzteren erst in Folge der Kämpfe u. Siege Julius Cäsars in Gallien der Unterschied der celtischen u. germanischen Nationalität im Allgemeinen klar. Das Gebiet der Germanen wurde von den Römern im Ganzen u. Großen durch Rhein u. Donau, Weichsel u. Nordsee begrenzt. Während sich für die Römer im Westen um den Rhein die germanische von der celtischen Nationalität bestimmt abgrenzte, war dies längere Zeit hindurch für die östlichen Nachbarn der Germanen noch nicht der Fall. Im Südosten gehörten die Pannonier zu Völkern illyrischen Stammes; weiter grenzten hier die Germanen zusammen mit den Slawen (von den Deutschen Veneti, Winidi, Wenden genannt), in Nordosten mit den Esthen (wohl Altpreußen, Lithauer, Letten u. Kuren, erst später auf das finnische Volk der Esthen übertragen) u. den Finnen, Zwar besaßen die G-n V. damals noch keinen nationalen Gesammtnamen, doch fühlten sie sich zusammengehörig durch Sprache, Glaube, Recht u. Sitte, wie sich dies in ihrer Stammsage (s. Deutschland [Gesch.] I.) ausdrückt. Bei den mangelhaften [242] Nachrichten, die auf uns gekommen sind, lassen sich die einzelnen Völker nicht mehr genau unter die drei Abtheilungen der Ingävonen, Hermionen u. Iscävonen ordnen, ja selbst über die Namen u. Wohnsitze der einzelnen herrscht noch viel Schwanken u. Dunkelheit. Unter denen, die Tacitus nennt, sind die bedeutendsten in Mittel- u. Südgermanien die Hermunduren, Marcomannen u. Quaden, norwestlich zwischen Rhein u. Elbe die Friesen, Usipeter u. Tencterer, die Bructerer, Chauken, Cherusker, Chatten, Marser u. Sigambrer, nordöstlich zwischen Elbe u. Weichsel die Cimbern, Angeln u. Weriner, Sueven, Semnonen, Longobarden u. Vandilier. Ausgeschlossen blieben bei der erwähnten Dreitheilung der deutschen Stämme die Gothen mit ihren Unterabtheilungen u. nächsten Verwandten, so wie die skandinavischen Germanen, von Plinius Hillevionen genannt, welche sich jedoch ihrer Verwandtschaft mit den Deutschen nicht mehr bewußt waren. Vgl. Zeuß, Die Deutschen, München 1847; Brandes, Das ethnographische Verhältniß der Celten u. Germanen, Lpz. 1857, zunächst gegen Holtzmanns Hypothese (Celten u. Germanen, Stuttg. 1855) gerichtet, nach welcher die Gaelen u. Cymren keine Celten, wohl aber die Germanen die Celten der Alten sein sollten.

Eine gewaltige, in ihrem Verlaufe nicht ganz klare Umwälzung erfuhren die Verhältnisse der G-n V. während der folgenden Jahrhunderte. Zwar berichtet schon Tacitus von Verbindungen mehrerer einzelner Völker, doch bestanden dieselben aus nur vorübergehenden Bündnissen für die Zwecke des Kriegs, wie z.B. der Cheruskerbund unter Arminius, od. aus ebenfalls nicht lange andauernden Vereinigungen mehrerer Nationen zu einem Reiche durch die Waffengewalt eines Einzelnen, wie z.B. das Reich des Marbod. Andere Vereinigungen mochten jedoch auf friedlicheren Grundlagen ruhen u. somit die Gewähr eines längeren Bestandes in sich tragen. So erstreckte sich der Name der Friesen, der Svionen, der Lygier u. der Sueven über eine größere Anzahl kleinerer selbständiger Staaten, welche sich ihrer Stammverwandtschaft bewußt waren u. zum Theil auch, wie die Lygier bei den Nahamarvalen, die Sueven bei den Semnonen ein gemeinsames Heiligthum besaßen. Diese Anfänge einer Staatengruppirung entwickeln sich immer entschiedener etwa seit Anfang des 3. Jahrh. n. Chr.; die alten Völkernamen verschwinden allmälig aus dem Gebrauche; eine geringe Anzahl umfassenderer Stammnamen tritt an ihre Stelle, od. die althergebrachten Namen erhalten wenigstens eine ganz andere Bedeutung, indem sie zur gemeinsamen Bezeichnung eines ganzen größeren Stämmecomplexes erhoben werden. So tritt bereits unter Caracalla im ersten Decennium des 3. Jahrh. der Name der Alemannen im südlichen Deutschland auf u. neben ihm fast gleichbedeutig der der Schwaben; letzter jedoch jetzt in weit engeren Grenzen als der Suevenname in früherer Zeit. Nicht viel später kämpfen im Norden der beiden genannten die Franken, in die zwei Stämme der Salier u. Ripuarier getheilt, zu denen noch als dritter Zweig die Chatten od. Hessen (Hassi) kommen, immer erfolgreicher gegen ihre römischen Nachbarn. Seit dem 5. Jahrh. wird in der Mitte Deutschlands das Reich der Thüringer genannt; nur wenig später treten weiter südlich die Baiern auf. Im Norden der Franken hatte sich die große Völkerverbindung der Sachsen gebildet, während sich die Friesen, unter denen unterdessen die Chauken aufgegangen sind, in ihren alten Wohnsitzen am Gestade der Nordsee in ihrer früheren Abgeschlossenheit erhalten. Im Osten rücken die mächtigen Gothen, deren Name allerdings schon früher vorkommt, von Norden her nach der Donau vor; zu ihnen zählen außer den Terwingern u. Greuthungen od. Ostgothen u. Westgothen noch die Stämme der Thoufalen u. Gepiden, in etwas weiterem Abstande die ostgermanischen Völkerschaften der Vandalen, Burgunder, Heruler, Rugier, Skiren, Turcilinger etc., während die Longobarden, obgleich ebenfalls im Südosten auf dem welthistorischen Schauplatz tretend, doch sich näher an die Schwaben u. Baiern anlehnen. Waren diese umfassenderen Stammverbände auch noch nicht zu einer staatlichen Einheit gelangt, so bildeten sie doch den Übergang zu größeren Staatenbildungen. Gleichzeitig mit dieser Concentration der Kräfte der germanischen Stämme ward die Widerstandskraft des Römischen Reichs durch seine zunehmende innere Verderbniß geschwächt. Daher konnten die Germanen zum Theil auch selbst wieder durch das Nachdrängen fremder, meist slawischer Stämme im Osten veranlaßt, sich in dichten Schaaren über den Westen u. Süden Europas ergießen u. sich auf römischem Boden neue Wohnsitze erkämpfen, sowie mehr od. minder dauernde Reiche gründen. Während dies im Westen u. Süden vor sich ging, fiel der entvölkerte Osten Germaniens Völkern slawischer Zunge bis zur Elbe u. Saale hin anheim. Das Schicksal der neugegründeten Reiche auf römischem Boden war ein sehr verschiedenes (vgl. Gaupp, Die germanischen Ansiedelungen u. Landtheilungen im römischen Westreich, Breslau 1844). Die von den gothischen Völkerschaften begründeten Reiche sind wie die Völkerschaften selbst untergegangen, haben aber zur Bildung der verschiedenen romanischen Nationalitäten mitgewirkt, wie denn auch die Romanischen Sprachen mehr od. minder Reste ihrer Sprachen bewahrt haben. Die Staaten der Vandalen (wovon noch Andalusien, lat. Vandalitia), der Alanen (woher noch Catalonien, d.i. Gothalania) u. der Sueven auf der Pyrenäischen Halbinsel waren nur von kurzer Dauer, ebenso blieb auch die Herrschaft der Vandalen in Afrika nur vorübergehend. Die Westgothen waren zwar glücklicher, doch büßten sie ihre germanische Nationalität ein. Während in Italien von dem Reiche Odoacers wie auch von dem der Ostgothen jede Spur verwischt ist, erhielt sich hier kräftiger die oberdeutsche Nationalität der Longobarden, deren Sprache noch im 8. Jahrh. lebend war. In Gallien ging die ostgothische wie die westgothische Herrschaft spurlos vorüber, während die Burgunder wenigstens einer Landschaft den Namen gaben. Daher hat auch das Provencalische weniger von germanischen Einflüssen erfahren als das Nordfranzösische; der ganze Nordosten Frankreichs, das seinen Namen von seinen germanischen Eroberern, den Franken, trägt, war bis ins 9. Jahrh. geradezu ein germanisches Land. Kräftiger wußten ihre Nationalität auf den Britischen Inseln die Angelsachsen, sowie in den Süddonauländern u. am obern Rhein die Alemannen, Schwaben u. Baiern gegen die mehr od. minder[243] romanisirten Ureinwohner zu bewahren; nur im Westen u. Norden Großbritanniens, sowie in einzelnen Strichen der Alpenländer vermochten sich Reste der Letzteren zu erhalten. Unbeirrt von fremden Einflüssen blieben ihrer germanischen Nationalität natürlich die im germanischen Stammland seßhaft gebliebenen Stämme, wie die Altsachsen, Friesen, die Thüringer u. ein großer Theil der Franken treu. Dasselbe gilt in noch höherem Grade von den skandinavischen Stämmen.

In eine neue Phase der Entwickelung treten die Germanischen Völker in der zweiten Hälfte des 8. Jahrh. Nachdem im Westen das bereits völlig romanisirte Westgothische Reich durch die Araber gestürzt worden war, wurden die sämmtlichen romanisch-germanischen Staaten bis auf einzelne Theile Italiens zu einem einzigen Reiche, dem Fränkischen, vereinigt. Deshalb wird im 8. u. 9. Jahrh. der jedoch nur auf gelehrter Reminiscenz beruhende alte römische Gesammtname des deutschen Landes, Germania, häufig durch Franchonolant übersetzt. So lange das ungeheuere Reich vereinigt blieb, konnten die verschiedenen Nationalitäten, welche es umfaßte, in ihren Gegensätzen nicht vollständig hervortreten, wohl aber mußte dieses sich vollziehen, als die politische Theilung des Reichs auch in ethnographischer Beziehung ihre tiefgreifende Wirkung äußerte. Schon der Eid, welchen der westfränkische Karl u. der ostfränkische Ludwig 842 sich zu Strasburg schworen, mußte in zwei Sprachen, romanisch u. deutsch, geleistet werden; seit Ende des 9. Jahrh. muß der Untergang der Germanischen Nationalität u. Sprache in Westfranken als entschieden betrachtet werden; die sich von da an selbständig entwickelnde französische Nation, sowie die sich daneben ausbildende provencalische müssen fortan als romanische gelten. Gleichfalls an den Zerfall der karolingischen Monarchie knüpft sich in Italien der Untergang der longobardischen Nationalität; doch erhalten sich Spuren derselben, namentlich in Sprache u. Recht, zumal in Oberitalien. Eine nicht minder bedeutsame Veränderung findet nach der Theilung des Fränkischen Reichs im alten Germanenlande statt, indem sich hier namentlich die Sächsischen Kaiser das Verdienst erwarben, den Zerfall in einzelne Stammgebiete (wie etwa Franken, Schwaben, Baiern, Sachsen, Thüringer, Friesen) zu verhindern, dagegen diesen sich isolirt gegenüber stehenden Stämmen ein einheitliches Reich u. Volk gegenüber zu stellen, u. die ohnedies schon vorhandene Gesammtnationalität dem Volke zum Bewußtsein zu bringen. Das Volk lernte seine Einheit aber zuerst an der Sprache erkennen, wie der zuerst nur von der Sprache geltende Name Deutsch (Thiudisc) bezeugt, den sich seit etwa der zweiten Hälfte des 10. Jahrh. das Gesammtvolk gibt (s. Deutsch).

Einer ähnlichen Richtung wie in Deutschland, folgte im Allgemeinen, wenn auch im Einzelnen verschieden, die Entwickelung der Dinge im Skandinavischen Lande; engere staatliche Complexe gehen in immer allgemeinere auf. Die beiden Haupttheile Schwedens, der eigentlich schwedische im Norden, der götische im Süden, gruppiren sich aus einer Anzahl von Landschaften, von denen eine jede selbständig für sich nach ihrem eigenen Rechte lebt. In Schweden erhebt sich in Upland der Upsalakönig über die übrigen Kleinkönige der einzelnen Landschaften u. mit der Zeit, um 900, wird selbst das götische Stammgebiet, in welchem früher Westgötaland die Hauptlandschaft war, unter seiner Hand zu dem umfassenderen Schwedenreiche vereinigt. Ebenso bestanden in Norwegen eine große Anzahl kleiner Herrschaften selbständig neben einander, welche endlich unter Harald Harfagr gegen Ende des 9. Jahrh. auf die Dauer vereinigt wurden Ein ähnlicher Vereinigungsproceß scheint sich um dieselbe Zeit auch in Dänemark vollzogen zu haben. Eine gemeinsame Benennung für diese drei Stämme besteht nicht, obwohl ihnen das Gefühl für ihre nahe Verwandtschaft nicht fremd war, u. auch ihre Nachbarn, die Zusammengehörigkeit der Schweden, Dänen u. Norweger begreifend, dieselbe durch die gemeinsame Bezeichnung der Angehörigen dieser drei Völker als Nordmannen (in Deutschland u. Frankreich), Ostmannen (in Irland) od. Dänen (in England) hervorhob. Endlich wurden auch in Britannien die verschiedenen kleinen Staaten, welche dort die Jüten, Angeln u. Sachsen gestiftet hatten, im Anfang des 9. Jahrh. zu einem Gesammtstaate verknüpft, für welchen sich seitdem der gemeinsame Name England Bahn bricht.

Da nun jene germanischen Stämme, welche auf römischem Boden Reiche gründeten, ihre Nationalität auf demselben eingebüßt haben, so war die gesammte germanische Welt zu dem Ende des 9. Jahrh. auf die drei Hauptvölkergruppen der Skandinavier, der Engländer (Angelsachsen) u. der Deutschen abgeschlossen u. concentrirt. Auf dieselben gründen sich die ethnographischen Verhältnisse der Gegenwart der G-n V., wenn die einzelnen Abtheilungen der letzteren auch seitdem noch manche sehr tief eingreifende Veränderungen erfahren mußten. Was zunächst die Deutschen betrifft, so eroberten sie sich seit der Zeit der Karolinger, schrittweise theils friedlich, theils gewaltsam jene Landstriche im Osten Deutschlands zurück, die von ihr während der Völkerwanderung verlassen u. von Lithauern, Slawen u. Magyaren eingenommen worden waren. Diese Rückeroberung ist noch nicht vollendet, aber in raschem Fortschritt begriffen. Die Slawen wurden bis auf einzelne kleinere Inseln in der Lausitz u. Oberschlesien über die Elbe u. Oder zurückgedrängt; jenseit der Weichsel ist das Land der alten Preußen vollständig germanisirt worden. Im Posenschen schreitet die Verdeutschung sichtbar vorwärts, während in Efthland, Livland u. Kurland trotz der russischen Herrschaft Adel u. Bürger vorwiegend deutsch geworden u. geblieben ist. Ebenso ist von Oberdeutschland aus nach Osten zu der Sieg des Deutschthums in Niederösterreich, dem oberen Steyermark u. Kärnten völlig gesichert u. weit hinaus sind deutsche Vorposten bis zu der Zips u. den Sachsen in Siebenbürgen vorgeschoben, während in Böhmen u. Mähren, sowie auch in Galizien das deutsche Element mehrfach sichern Boden gewonnen hat u. immer mehr Eingang findet. Verhältnißmäßig gering sind die Einbußen, welchen das Deutschthum gegen diese Fortschritte im Westen u. Süden erfahren hat. Die Einbußen im Süden in Tyrol den Italienern gegenüber sind von keiner Erheblichkeit; bedeutender sind sie im Westen durch den Verlust von Elsaß u. Lothringen an Frankreich, welches jedoch wenigstens auf dem Lande die deutsche Nationalität nicht umzugestalten vermocht hat. Die Schweiz ist trotz ihrer Abtrennung vom [244] Deutschen Reiche, soweit in ihr der allemannische Stamm reicht, doch echt deutsch geblieben. Im Norden Deutschlands breitete sich, wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Auswanderung der Angeln nach den Britischen Inseln, das dänische Volk nach Süden aus, wo gegen Ende des 9. Jahrhunderts die Grenze an der Mündung der Schlei steht; doch gewann namentlich nach der Verbindung Schleswigs mit Holstein (1386), noch mehr in Folge der Reformation, sowie überhaupt der höheren Cultur der Deutschen, das deutsche Element in ganz Schleswig wieder das Übergewicht, u. die Reaction, welche die Dänen seit einigen Jahren versuchen, stößt im Lande selbst auf den zähesten Widerstand. Zu diesen Veränderungen des deutschen Gebietes nach Außen gesellt sich auch eine Umgestaltung im Innern, indem das oberdeutsche Element, welches sprachlich schon in der mittelhochdeutschen Zeit ein gewisses Übergewicht über das Niederdeutsche im Norden u. Nordosten Deutschlands hatte, bes. in Folge der Reformation vollständig siegte u. das Niederdeutsche zu einer bloßen Volksmundart herabdrückte. Während dessen erhob sich jedoch das Niederländische, das schon im Mittelalter eine gewisse Ausbildung erlangt hatte, in seinen beiden Zweigen, dem Holländischen u. Vlämischen, zur Selbständigkeit, in welcher es ebenbürtig dem Hochdeutschen zur Seite tritt. Die friesische Nationalität endlich begann bereits gegen Ausgang des Mittelalters der niederdeutschen zu weichen u. ist bis auf geringe Reste in derselben aufgegangen.

Nicht minder erhebliche Veränderungen hatte auch der Skandinavische Zweig der Germanen zu erleiden. Die Reiche, welche von Schweden aus die Waräger im heutigen Rußland stifteten, konnten ihre Nationalität nicht erhalten, ebenso blieb (wie 1210–1346 die dänische) auch in Estland (1561–1721) u. in Livland (1629–1721) die schwedische Herrschaft ohne nachhaltige Einwirkung, da sich nur auf einigen kleinen Inseln, sowie an einigen Küstenpunkten ein kleiner Rest schwedischer Bevölkerung erhalten konnte. (Vgl. Rußwurm, Eibofolke, od. die Schweden an den Küsten Esthlands u. auf Runö, Reval 1855). Tieferen Einfluß übte hingegen die schwedische Herrschaft auf Finnland, dessen Eroberung von der Mitte des 12. bis zur Mitte des 14. Jahrh. währte; schwedische Nationalität u. Sprache erhielt sich hier auch noch nach der Abtretung an Rußland (1743, 1809), wenn auch seit einigen Decennien das finnische Element energisch dagegen reagirt. Als durch den Frieden von Brömsebro 1645 die norwegischen Landschaften Herjedalen u. Jämtland, die mit Dänemark streitige Insel Gothland, durch den Frieden von Kopenhagen (1660) die altdänischen Landschaften Schonen, Halland u. Blekingen, die norwegische Landschaft Bahns an Schweden gelangt waren gingen diese Landestheile binnen Kurzem ihrer angestammten Nationalität verlustig u. fügten sich der schwedischen. Was die Dänen betrifft, so sind ihre Veränderungen gegen Deutschland hin schon oben erwähnt; ihre Eroberungen im Lande der Wenden u. in Esthland, sowie ihre vorübergehende Herrschaft in England sind ohne alle bleibende Folgen geblieben. Übrigens hat das Dänenthum auch in seiner eigentlichen Heimath sowohl in Bezug auf Sprache wie auf Recht, überhaupt das ganze geistige Leben so erhebliche Einwirkungen von Deutschland aus erfahren, daß es in seiner Mischung mehr nur als ein Übergangsglied zwischen den deutschen u. den skandinavischen Nationen betrachtet werden kann. Vgl. Munch, Für u. gegen Skandinavien, Kopenh. 1857, 1. Heft. Endlich der norwegische Stamm breitete sich weit nach Westen aus. Um 874 begann die Auswanderung nach Island, sowie gleichzeitig nach den Faröer, den Shetlandsinseln, den Orkneys u. den Hebriden. Von Island aus wurde in der zweiten Hälfte des 10. Jahrh. Grönland bevölkert u. selbst die Nordküste des Amerikanischen Festlandes besucht. Norwegische Reiche wurden in Schottland u. in Irland, sowie in Frankreich (die Normandie) gegründet, u. auch in England fochten norwegische Heerführer neben den Dänen. Allein nur auf Island u. (wenn auch in dürftigerer Weise) auf den Faröer erhielt sich die nordische Bevölkerung u. zwar in ihrer reinsten Blüthe; die grönländische Colonie ist schon im 15. Jahrh. verschollen; die Hebriden (1266), sowie die Orkneys u. Shetlandsinseln (1468) verloren bald nach ihrem Abtritte an Schottland ihre Nationalität, wenn sich auch auf den letztern Inseln noch lange Zeit eine nordische Mundart (Norse) erhalten mochte. Die Eroberungen in Schottland u. Irland gingen spurlos vorüber, während die Normänner in der Normandie bereits im 10. Jahrh. ihrer nordischen Nationalität verlustig gingen, zu Franzosen wurden u. als solche im Anfange des 11. Jahrh. sich in Süditalien ein Reich gründen u. 1066 England erobern. Während diese Veränderungen im Territorialbestande der einzelnen Stämme eintreten, sondern sich dieselben unter einander immer in Bezug auf Sprache u. Volksthümlichkeit; während auf dem abgelegenen Island altnordische Sprache, Sitte u. Institutionen bis auf den heutigen Tag in Geltung bleiben, haben sich in den Heimathslanden die drei Nationalitäten der Norweger, Schweden u. Dänen scharf gesondert; es hat sich in Dänemark u. Schweden eine eigne Schriftsprache gebildet, wogegen Norwegen, in Folge seiner langen Vereinigung mit Dänemark (1380–1814), zwar seine selbständige Schriftsprache, jedoch nicht seine Nationalität eingebüßt hat.

Endlich der Englische od. Angelsächsische Zweig der Germanen, der abgesehen von dem ohnehin wohl nur sehr unbedeutenden jütischen Element wesentlich auf dem seit dem 4. Jahrh. auf den Britischen Inseln eingewanderten Angeln u. Sachsen, zwei niederdeutschen Stämmen, beruht, hat nach zwei Seiten hin mannichfache Umgestaltungen erfahren. Die dänischen Eroberungen haben auf die englische Nationalität u. Sprache (vgl. Worsae, Minder om de Danske og Nordmaendene; England, Skotland og Irland, Kopenh. 1851, deutsch Lpz. 1852) keinen bleibenden Einfluß geübt; um so entschiedener wirkte die Eroberung der Normannen (1066), durch welche den Engländern ein romanisches Element zugeführt wurde. Aus der Mischung beider Sprachen, die man um die Mitte des 14. Jahrh. als vollendet betrachten kann, entwickelte sich die jetzige Englische Sprache. Immerhin ist trotz der starken romanischen Beimischung die Sprache sowohl wie überhaupt die Nationalität der Engländer durchaus germanisch geblieben, da dieselben in ihrem wesentlichen Kerne nicht angegriffen worden sind. Unter allen [245] Sprachen germanischer Zunge hat das Englische räumlich die weiteste Ausdehnung erreicht. Auf den Britischen Inseln selbst weichen die Reste der celtischen Bevölkerung in Hochschottland, Wales u. Irland vor dem englischen sichtbar zurück. Wie die englischen Colonien weit über Europa hinaus die ganze Welt umspannen u. in noch fortwährender Ausdehnung begriffen sind, so bilden sie auch feste Stützpunkte für die Verbreitung heimischer Sprache u. Cultur. In Nordamerika, in Südafrika, in Australien haben sich unermeßliche Reiche germanischer Zunge gebildet od. sind in Bildung begriffen, bei deren Begründung auch Deutsche u. Holländer (Südafrika), sowie theilweise auch Skandinavier, Franzosen u. Spanier betheiligt sind, in welcher aber die englische Nationalität od. (wie mit einem gewissen Stolze der Nordamerikaner sagt) die Angelsächsische Race die Obmacht besitzt. Wenn nicht alle Hoffnung trügt, wird einst dem Germanenthum, namentlich durch die Briten u. Deutschen, moralisch u. geistig der Sieg über alle übrigen Nationalitäten zufallen. Die Zahl aller Germanen läßt sich auf etwa 100 Millionen schätzen, von welchen 51 Mill. auf die Deutschen (u. Niederländer), 8 Mill. auf die Skandinavier, 40–41 Mill. auf die Angelsachsen kommen.

Quelle: Pierer's Universal-Lexikon, Band 7. Altenburg 1859, S. 242-246. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20009999442