Erste Herz-Schmerz-Reim, Der

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Arno Holz schreibt in seiner "Selbstanzeige" zur Gedichtsammlung "Phantasus" von 1898:


  • Der Erste, der – vor Jahrhunderten! – auf Sonne Wonne reimte, auf Herz Schmerz und auf Brust Lust, war ein Genie, der Tausendste, vorausgesetzt, daß ihn diese Folge nicht bereits genirte, ein Kretin.


Der erste deutsche Endreim kann nicht mit Bestimmtheit benannt werden, aber bestimmt der erste Herz-Schmerz-Reim. Um das Jahr 870 schrieb der Mönch Otfrid von Weißenburg eine Bibeldichtung (eine Evangelienharmonie), bei der er bewußt den "heidnischen" Stabreim durch den "christlichen" (weil in spätantiken lateinischen Hymnen verwendeten) Endreim ersetzte. Lauter Anfänge: der erste deutsche Dichter, dessen Namen überliefert ist; der erste poetologische Text unserer Literatur (denn er muß die Neuerung begründen); die erste datierbare größere deutsche Dichtung mit Endreim und eben so das erste Auftreten zahlreicher deutscher Reimpaare: Franke / Gedanke, Mund / gesund, Mut / gut, Jahr / wahr, Wonne / Sonne usw., und eben auch Herz / Schmerz:

thaz min líaba herza,    //  bi thiu rúarit mih thiu smérza. 

etwa: [sie haben es mir genommen] dies mein liebes Herz, darum rühret mich der Schmerz.


  • Otfrids Evangelienbuch, herausgegeben von Oskar Erdmann. Sechste Auflage besorgt von Ludwig Wolff. Tübingen: Niemeyer, 1973 (Altdeutsche Textbibliothek; Nr. 49)