Definition der Poesie (Jean Paul)

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Jean Paul: Über die Poesie überhaupt

§ 1

Ihre Definitionen

Man kann eigentlich nichts real definieren als eine Definition selber; und eine falsche würde in diesem Falle so viel vom Gegenstande als eine wahre lehren. Das Wesen der dichterischen Darstellung ist wie alles Leben nur durch eine zweite darzustellen; mit Farben kann man nicht das Licht abmalen, das sie selber erst entstehen lässet. Sogar bloße Gleichnisse können oft mehr als Worterklärungen aussagen, z. B.: »die Poesie ist die einzige zweite Welt in der hiesigen; - oder: wie Singen zum Reden, so verhält sich Poesie zur Prose; die Singstimme steht (nach Haller) in ihrer größten Tiefe doch höher als der höchste Sprechton; und wie der Sington schon für sich allein Musik ist, noch ohne Takt, ohne melodische Folge und ohne harmonische Verstärkung, so gibt es Poesie schon ohne Metrum, ohne dramatische oder epische Reihe, ohne lyrische Gewalt.« Wenigstens würde in Bildern sich das verwandte Leben besser spiegeln als in toten Begriffen - nur aber für jeden anders; denn nichts bringt die Eigentümlichkeit der Menschen mehr zur Sprache als die Wirkung, welche die Dichtung auf sie macht - und daher werden ihrer Definitionen ebenso viele sein als ihrer Leser und Zuhörer.

Nur der Geist eines ganzen Buchs - der Himmel schenk' ihn diesem - kann die rechte enthalten. Will man aber eine wörtliche kurze: so ist die alte aristotelische, welche das Wesen der Poesie in einer schönen (geistigen) Nachahmung der Natur bestehen lässet, darum verneinend die beste, weil sie zwei Extreme ausschließet, nämlich den poetischen Nihilismus und den Materialismus. Bejahend aber wird sie erst durch nähere Bestimmung, was eine schöne oder geistige Nachahmung eigentlich sei.


Aus: Jean Paul: Vorschule der Ästhetik

(nach Walther Killy die einzige unsystematische und daher ihrem Gegenstand angemessene deutsche Ästhetik)