Brentano, Clemens

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Herders 1854

[663] Brentano, Clemens, geb. 1777 zu Frankfurt a. M., Bettinas Bruder, studirte zu Jena u. lebte als Privatmann zu Jena. Frankfurt, Heidelberg, Wien, Rom etc., seit 1818 im Kloster Dülmen im Münsterschen, zuletzt in Regensburg und München. st. zu Aschaffenburg d. 28. Juni 1842. B. ist einer der hervorragendsten Romantiker, dessen Poesien aber mit wenigen Ausnahmen von grellen disharmonischen Stimmungen getrübt werden, obwohl seine Glaubensinnigkeit (er war 1818 zur kath. Kirche zurückgetreten) ihn vor der Zerrissenheit anderer begabter Romantiker rettete. Schriften: »Satyren u. poetische Spiele« 1800; »Godwi«, Roman, 1801; »die lustigen Musikanten«, Drama, 1803; »Ponce de Leon« 1804; »die Gründung Prags« 1816; »Victoria und ihre Geschwister mit fliegenden Fahnen u. brennender Lunte« 1817, ebenfalls dramatische Arbeiten. Volksthümlich sind geworden die Erzählung »Vom braven Kaspar und dem schönen Annerl« und das satyrische Märchen »Gockel, Hinkel u. Gakeleia«; seine Märchen gab Guido Görres 1848 heraus. Verdient machte sich B. durch die Herausgabe des »Goldfaden«, Heidelberg 1809, die gute Geschichte Wickrams von Kolmar u. »des Knaben Wunderhorn«, gemeinschaftlich mit seinem Freunde Achim von Arnim, Heidelberg 1806–8.

Quelle: Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau 1854, Band 1, S. 663. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20003246892


Pierer 1857

3) Clemens, geb. 1777 in Frankfurt a. M., studirte u. privatisirte in Jena, wo er sich 1805 mit der Folg. verheirathete, dann in Heidelberg u. nach dem Tode seiner Frau in Berlin, Frankfurt a. M. u. seit 1818 im Kloster Dülmen, ging 1822 nach Rom, wo er Mitglied der dortigen Propaganda war, lebte später wieder in Dülmen u.a. Orten Mitteldeutschlands u. st. 28. Juli 1842 in Aschaffenburg. Er schr. (unter dem Pseudonamen Maria): Satyren u. poetische Spiele, Lpz. 1800; den Roman: Godwi, Frkf. a. M. 1801; Die lustigen Musikanten (Singspiel), ebd. 1803; Ponce de Leon (Lustspiel), Gött. 1804; Der Goldfaden, Heidelb. 1809; Die Philister vor, in u. nach der Geschichte, Berl. 1811; Die Gründung Prags (historisch-romantisches Drama), Pesth 1815; Victoria u. ihre Geschwister, Berl. 1817; Schneeglöckchen, Hamb. 1819; Gokel, Hinkel u. Gakeleia (Mährchen), Frkft. 1838; Geschichte vom braven Kaspar u. dem schönen Annerl (Novelle), 2. A. 1851; gab mit A. von Arnim: Des Knaben Wunderhorn, eine Sammlung ältester Lieder, Heidelb 1806–08, 3 Bde., 2. A. 1819, heraus; seine Mährchen gab G. Görres, Stuttg. 1848, 2 Bde., heraus; Gedichte, Frkft. 1854; Gesammelte Schriften, ebd. 1855, 9 Bde.

Quelle: Pierer's Universal-Lexikon, Band 3. Altenburg 1857, S. 284. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20009586466

Meyers 1905

[391] Brentāno, 1) Klemens, Dichter der romantischen Schule, Sohn des aus der Lombardei eingewanderten Frankfurter Kaufmanns Peter Anton B. und der Maximiliane, geborne Laroche, einer Tochter der Schriftstellerin Sophie Laroche, Bruder der Bettina v. Arnim, wurde 8. Sept. 1778 in Ehrenbreitstein bei Koblenz geboren, wo sich gerade seine Mutter zum Besuch bei ihrer Mutter aufhielt, und starb in Aschaffenburg 28. Juli 1842. Gegen seine Neigung wurde er zum Kaufmann bestimmt, besuchte dann, da er auf keinem Kontor guttat, eine höhere Schulanstalt und ging nach seines Vaters Tod (1797) nach Jena, wo er zuerst mit den Führern der romantischen Schule in Verkehr trat und allerlei Extravaganzen ausführte. Bis 1804 reiste er dann viel und lebte abwechselnd in Dresden, Jena, Marburg (bei Savigny), Frankfurt, Wien und wieder an der Lahn und am Rhein (bei Lasaulx). Während dieser Zeit schrieb er den sinnlich-phantastischen Roman »Godwi, oder das steinerne Bild der Mutter« unter dem Pseudonym Maria (Brem. 1800–1802, 2 Tle.; vgl. A. Kerr, Godwi. Ein Kapitel deutscher Romantik, Berl. 1898), 1801 das von tollen Wortspielen sprudelnde, geistreiche, aber verworrene Lustspiel »Ponce de Leon« (Götting. 1804; Bühnenbearbeitung des Verfassers u. d. T.: »Valeria, oder Vaterlist« hrsg. von R. Steig, Berl. 1901; gründliche Monographie von G. Roethe: »Brentanos Ponce de Leon«, das. 1901), 1802 in Düsseldorf das Singspiel »Die lustigen Musikanten« (Frankf. 1803), 1803 die »Chronika eines fahrenden Schülers« (neue Ausg., Berl. 1872) u. a. 1803 verheiratete er sich mit Sophie Mereau, der geschiedenen Frau eines Professors in Jena, welche selbst »Gedichte« (Berl. 1800–1802, 2 Bde.) und mehrere Romane (»Kalathiskos« u. a.) veröffentlicht hat. 1805 siedelte er nach Heidelberg über, wo er in enger Freundschaft mit Görres und Achim v. Arnim lebte. In Gemeinschaft mit letzterm gab er die sehr verdienstliche Volksliedersammlung »Des Knaben Wunderhorn« (Heidelb. 1806–1808, 3 Tle.; genauer Neudruck von Birlinger und Crecelius, Wiesb. 1873–77, 2 Bde.) und 1808 die »Einsiedlerzeitung« (»Tröst-Einsamkeit«, Neudruck von Pfaff, Freiburg 1893) heraus, die ihn und die übrigen Romantiker in Streitigkeiten mit dem alten Rationalisten J. H. Voß verwickelte. Auch schrieb er damals den »Ersten Bärenhäuter« u. a. Am 31. Okt. 1806 starb plötzlich seine Gemahlin. 1808 verlobte er sich in Frankfurt mit Auguste Busmann, der exzentrischen Nichte des Bankiers Bethmann, die er in Kassel heiratete, um sich nach kurzer Zeit wieder von ihr scheiden zu lassen. B. wandte sich nun zunächst nach Landshut, dann 1809 nach Berlin, wo er die schon früher begonnenen poesievollen »Romanzen vom Rosenkranz«, eine romantische Faustiade, aber mit antiintellektueller Tendenz, fortsetzte, die Erzählung »Der Philister vor, in und nach der Geschichte« (Berl. 1811, nur in wenigen Exemplaren gedruckt) verfaßte und seines sprühenden Witzes wegen allgemein gefeiert wurde; dann begab er sich nach Böhmen auf das Familiengut Bukowan, das sein jüngerer Bruder, Christian (geb. 1784 in Frankfurt a. M., gest. 1851; vgl. seine »Nachgelassenen religiösen Schriften«, Münch. 1854, 2 Bde.), verwaltete, und nach einjährigem Aufenthalte daselbst, während dessen er das historisch-romantische Schauspiel »Die Gründung Prags« (Pest 1815) schrieb, nach Wien (vgl. Grigorovitza, Die Quellen von K. Brentanos »Gründung der Stadt Prag«, Berl. 1901). Hier verfaßte er 1813 für das Hoftheater in wenigen Stunden das Festspiel »Am Rhein, am Rhein!« und für das Theater an der Wien das Festspiel »Viktoria und ihre Geschwister« (Berl. 1817), das jedoch nicht zur Ausführung kam, und begab sich dann wieder nach Berlin, wo er die vortrefflichen Erzählungen: »Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl«, »Die mehreren Wehmüller« und »Die drei Nüsse« schrieb. Hier vollzog sich in ihm eine tiefgehende religiöse Wandelung, durch die er, der geborne Katholik, von äußerer Weltlichkeit zu streng ultramontaner Kirchlichkeit überging. Im Herbst 1818 zog er sich nach Dülmen im Münsterschen zurück, wo er bei der visionären Anna Katharina Emmerich (s.d.) bis zu deren Tode (1824) blieb, ganze Bände ihrer Betrachtungen aufschreibend, von denen später mehrere im Druck erschienen. Dann lebte er wieder unstet in Bonn, Winkel am Rhein, Wiesbaden, Frankfurt, Straßburg (bei Görres) und Koblenz, wo er einige Zeit blieb, bis er sich 1833 in München niederließ. Als sein letztes Werk erschien 1838 das reizende, schon viel früher niedergeschriebene und damals nur überarbeitete Märchen »Gockel, Hinkel und Gackeleia« (neue Ausg., Regensb. 1880). Als er im November 1841 erkrankte, holte ihn sein Bruder Christian zu sich nach Aschaffenburg. B. war ein Dichter von üppig wuchernder Phantasie und inniger Gefühlstiefe, der aber nicht das Höchste erreichte, weil es ihm an Gestaltungskraft und an Beharrlichkeit des Willens fehlte, seinen Werken eine künstlerisch durchgearbeitete Form zu geben. Als Lyriker (»Gedichte«, Frankf. 1854, in neuer Auswahl 1861, Paderb. 1898 u. ö.) ist B. in kleinern Liedern und Romanzen am bedeutendsten, von denen manche durch volksmäßige Einfachheit des Tons einen erquicklichen Eindruck machen. Seine »Märchen« (schon 1811 geschrieben, hrsg. von Guido Görres, Stuttg. 1848, 2 Bde.; 2. Aufl. 1879; vgl. Cardauns, Die Märchen C. Brentanos, Köln 1895) fesseln sowohl durch ihre romantische Phantastik als durch den ansprechenden Vortrag. Brentanos »Gesammelte Schriften« (hrsg. von seinem Bruder Christian) erschienen in Frankfurt 1852–55 in 9 Bänden, die kleinern prosaischen Schriften in neuer Ausgabe 1862 in 2 Bänden. »Ausgewählte Schriften« gaben Diel (Freiburg 1873, 2 Bde.) und J. Dohmke (Leipz. 1892) heraus. Vgl. Diel, K. B., ein Lebensbild (Freiburg 1877–78, 2 Bde.).

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 3. Leipzig 1905, S. 391-392. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20006367178


Brockhaus 1911

[264] Brentāno, Klemens, Dichter der romantischen Schule, Bruder der Bettina von Arnim, geb. 8. Sept. 1778 in Ehrenbreitstein, gest. nach unstetem, seit 1818 aszetischem Leben 28. Juli 1842 zu Aschaffenburg; schrieb den bizarren Roman »Godwi, oder das steinerne Bild der Mutter« (1801-2), Dramen, Novellen (»Geschichte vom braven Kasperl und der schönen Annerl«, 1817; »Gockel, [264] Hinkel und Gackeleia«, 1838) und »Romanzen vom Rosenkranz«. Sein verdienstvollstes Werk die mit Achim von Arnim herausgegebene Sammlung deutscher Volkslieder »Des Knaben Wunderhorn« (1806-8). – Biogr. von Diel und Kreiten (1877-78), Steig (1894).

Quelle: Brockhaus' Kleines Konversations-Lexikon, fünfte Auflage, Band 1. Leipzig 1911., S. 264-265. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20000981710